Gedichte

Die Provisorische Augenklappe

ein Gedicht Noir in 54 Schritten - Auswahl

 
 
1.
Mein Vater trank,
ich trinke auch.
Rouladen-verseuchte Zwischenmahlzeiten
knacken mit den Fingergelenken.
Meine Frau versteht kein Wort.
Ich trinke weiter
& verlasse die Stadt.
Ein Beuteltier muss lachen -
Die Straßenbahn verirrt sich im Dunkeln.
Mein Nachruf wird lauten:
Er hatte das Gesicht
nasskalter Gegenden
und redete im Schlaf,
aber seine Augenklappe
war nur provisorisch.



2.
Die Straßenbahn klingelt.
Meine Frau hustet.
Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr.
An der holländischen Grenze
hält ein Kaninchen Straßenkarten
in die Höhe.
Vor einer Woche bin ich 50 geworden.
Meine Tochter erinnerte mich.
Es gab Crepe Suzette
und den Rest vom Cointreau.
Der rechte Flügel
vom Stadtschloss
wurde ausgeräumt.
Durch die feuchte Dunkelheit
rennt mein Sohn,
Im Radio Kommissar Maigret
und auf der Autobahn
ein schlechter Moment
zum Überholen.


 
3.
Zu meinem vierzigsten Geburtstag
schenkte mir meine Tochter
eine beige Fliege
Meine Frau lachte kurz auf.
Es war das letzte Mal
das ich sie so sah.
Nur für den Fall,
dass sie nicht verrückt war,
wie die Nachbarn behaupteten
wollte ich sie nicht enttäuschen
und trug sie
zu einer grünen Windjacke.
Sie kicherte.
Die Gäste des Cafes
lachten ungeniert.
Der Kellner ignorierte uns
solange es ging.
Wir tranken Likör.
Ich zahlte
und wir traten
in den strömenden Regen hinaus.


 
4.
Ich erwachte und wusste nicht warum.
In der Wohnung roch es
nach Medizin.
In der Küche
fluchte mein Sohn.
Ein Kribbeln bezieht mein Kinn
Meine Stirn wird taub.
Meine Finger krallen sich fest am Nichts
und ich beginne zu zählen
ein Alphabet
bis jemand meinen Namen ruft.
Ich frage nicht „Warum?“
Vor dem Fenster tuscheln Blätter
in mir zischt Luft.


 
5.
Meine Frau ist tot.
33 Jahre war ich verheiratet
und schlucke 14 Tabletten am Tag.
Mein Sohn krakelt,
meine Tochter lächelt.
Das Schweigen der Nachbarn ist blutrünstig
wie jedes Schweigen.
Mein Leben ähnelt
einem vergessenen Stück Kernseife.
Ich stehe langsam auf
und halte mich fest
mit meiner Hand,
der Hand meines Vaters.
 
 
 
6.
Aus ihrem Testament fiel
ein Pappkarton mit Insulin,
der Geruch von Sparkassensekt,
ein Ödem mit blickdichten Stützstrümpfen
& die Schuld
nicht ein Anderer gewesen zu sein -
Das wenigstens hatten wir gemeinsam.
Trotzige Atemzüge
im Stillstand verrannt.
Ihre Geburtsanzeige verkündete:
16.5 – lacht das erste mal spontan.
 
 
 
7.
Im Tanzlokal „Anno 1912“
spielte man
„Vielen Dank für die Blumen“,
ich rief: Das kenn ich,
aber da war es schon zu spät.
Der Kellner brachte die Rechnung
und gab mir den Rat:
Ihr Tagebuch können sie behalten.
Die Straßenbahn fuhr nicht mehr
und ich musste an meine Mutter denken.
Vor mir lag,
trotz des feuchten Bodens
ein Mann auf dem Rücken und schlief.
Ich trat ihm,
mehr aus Reflex,
in die Seite
und lachte.

 
 
8.
Ich sitze in einer Kneipe
gegenüber einem Kerl mit
rotblonden Haaren.
Ein Frau kommt rein,
beugt sich über ihn,
küsst ihm die Stirn
und geht.
Er ruft:
“Scheiße, lasst mich doch alle in Ruhe“
Ich wende mein Gesicht flussabwärts,
die Dämmerung überlegt es sich anders
und tritt an dir Bar.

 
 
9.
Mein Hemd ist nass geschwitzt.
Meine Mannschaft greift umständlich an.
Die Augen des Publikums
sind genauso sprachlos
wie die meiner Nachbarschaft.
Ich kämpfe mich zum Tribünenausgang
mit Schmerzen in der Brust.
Die Brühe im WC
steht einen Zentimeter hoch.
Ein Skinhead grinst herüber.
Er sagt:
„Na Alterchen“
und pisst mich an.
Ich drehe mich nicht um,
warte bis er gegangen ist.
Einmal
begleitete mich meine Frau
zu einem Spiel.
Es goss kalt und laut.
Wir verloren.
Nun ist sie schon lange tot.
Ich gehe ein Bier holen.
Die Verkäuferin hat einen
schön geformten Mund.
Wir beide atmen schwer.

 
 
10.
Mein Wecker klingelt.
In fünf Minuten noch einmal.
n einer halben Stunde stehe ich auf.
Durch die Jalousien
sehe ich nasse Blätter herabfallen
und die seltsame Kälte,
die draußen herrscht,
trippelt durch den Vorgarten.
Meine Heizung blubbert nach Wärme,
bleibt aber kalt
Mein Herz ist voller Nebel,
der sich absolut still verhält,
als ginge ihn nichts an.
Manchmal glaube ich fast
er hat recht.

 
 
wird fortgesetzt...
 
 
 
Texte v. R. Blessing